Impressionismus und Symbolismus (1883 - 1923)


 
 
1. Impressionismus

2. Symbolismus



 

1. Impressionismus

a) Allgemeines

Der Impressionismus ist eine Stilrichtung der Literatur von etwa 1890 - 1910. 
Die Schriftsteller versuchten,  die flüchtige Stimmung des Augenblicks möglichst genau zu erfassen.
Der Impressionismus ist die Ablehnung des Naturalismus und der Wunsch nach Entfaltungsmöglichkeit. 
Der Impressionismus ist ein um die Mitte des l9. Jh. in Frankreich entwickelter Kunststil.
 

b) Merkmale

Der Impressionismus ist ein Leben in einer Scheinwelt, eine Flucht vor der Realität, ein Leben in Ästhetik. 
Ein stilistisches Kennzeichen ist, dass des öfteren Verben weggelassen werden und sich die Anzahl von Nomen häuft. 
Noch dazu ist der Impressionismus sehr unpolitisch, da er Themen wie Liebe, Tod, Kunst und Leben verkörpert. 
Diese Themen werden durch persönliche Eindrücke geschildert, wobei auf kompositorische und konstruktive Elemente eher verzichtet wird. Der Impressionismus fällt auf die Blütezeit des Imperialismus.
 

c) Forderungen

 l. den Naturalismus überwinden,
2. die Horizontale der Dichtung nach innen weiten,
3. vom Umgangston der Epoche weg unter die Oberflächlichkeit dringen.
 

d) Gefahren

1. Verzichtet wird darauf, die Wirklichkeit als eine komplexe Einheit darzustellen. 
2. Bevorzugte Darstellung der schönen, strahlenden, farbenfrohen Oberflächlichkeit der Natur. 
3. Aufbau einer Scheinwelt
4. Flucht vor der Realität. 
5. Leben der Ästhetik.
 

e) Folgen

Der Impressionismus verlor im Endeffekt an Bedeutung, weil seine Schranken bzw. Macken erkannt wurden. 
Der impressionistische Mensch ist vollkommen und abhängig von seinen Wahrnehmungen. 
Man ist verdammt, weil man nicht selbst agieren kann.
Viele Intellektuelle des l9. Jh.s  erkannten dieses Problem und wandten sich dem Expressionismus zu.



 

Symbolismus

a) Allgemeines

Der Symbolismus ist eine vom Ende des l9. Jh. von Frankreich ausgehende literarische Bewegung.
Er ist ein Widerspruch zur objektiven Realitätsdarstellung des Naturalismus.
Die Symbolisten versuchten, den Zusammenhang zwischen Idee, Mensch und Ding in der dichterischen Aussage zu formen. Der Begriff „Symbolismus“ wurde von J. Moreas geprägt und entstand teilweise als Reaktion auf die klassizistischen und realistischen Strömungen.
 

b) Merkmale

Der Symbolismus schließt die Vorstellung objektiver Gegenstände, persönlicher Empfindungen oder äußere Stimmungseindrücke aus. 
Vielmehr beschäftigt sich der Symbolismus mit Elementen der realen Welt in Bildzeichen und Symbolen. 
Reale und imaginierte Sinneseindrücke werden vertauscht.
 

c) Sprache

Der Symbolismus besteht im großen und ganzen aus Metaphern und Bildern. 
Klang und Synästhesie sind die bewusst eingesetzten poetischen Mittel.
 
 

Textbeispiel:

                              Rainer Maria Rilke
 
Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. 

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; 

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze. 

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen. 
 
 
 

                           Rainer Maria Rilke, September 1903 
 
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, daß er nichts mehr hält. 
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe 
und hinter tausend Stäben keine Welt. 

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 
der sich im allerkleinsten Kreise dreht, 
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, 
in der betäubt ein großer Wille steht. 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille 
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, 
geht durch der Glieder angespannte Stille - 
und hört im Herzen auf zu sein. 
 
 
 

                          Rainer Maria Rilke

Das Karussell
Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht 
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land, 
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt, 
doch alle haben Mut in ihren Mienen; 
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald, 
nur daß er einen Sattel trägt und druber 
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge 
und hält sich mit der kleinen heißen Hand, 
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber, 
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge 
schauen sie auf, irgendwohin, herüber-

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, daß es endet, 
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. 
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, 
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln; hergewendet, 
ein seliges, das blendet und verschwendet 
an dieses atemlose blinde Spiel . . .
 

Das Karussell:   Interpretation des Gedichts von Udo Klinger

Rainer Maria Rilke  (* 4.12.1875 in Prag,  † 29.12.1926 bei Montreux)   gilt als der einflussreichste deutsche Dichter des frühen 20. Jahrhunderts. Das vorliegende Gedicht  „Das Karussell“ gehört wie auch  „Der Panther“  und 
Blaue Hortensie“ in die berühmte Sammlung von Dinggedichten Rilkes, die in den Jahren 1907 - 1908 entstanden  und in der Sammlung  „Neue Gedichte“ erschienen sind.

Dargestellt wird ein Kinderkarussell aus der distanzierten Sichtweise des Erwachsenen, der durch genaues, aber auch nachdenkliches Beobachten dessen Wesen wahrnimmt und zugleich enthüllt. Aus einiger Entfernung ist es dem Betrachter ermöglicht, das Karussell als ein Ganzes „mit seinem Dach und seinem Schatten“ (Vers 1),  sowie den gesamten „Bestand“  (Vers 2)  an Tieren zu erfassen.

Dennoch erlaubt es die Perspektive des Betrachters, auch zahlreiche Einzelheiten  aus diesem „Bestand“ herauszulösen. Bezeichnend für diese Bestandsaufnahme ist der Bild an Bild reihende Erzählstil, erkennbar an der neunmaligen Wiederholung der Konjunktion „und“  (Vers 7, 11, 12, 15, 16, 20, 21, 22 und 25), wodurch alle beobachteten Details zum Ganzen zusammengefügt werden.  Im einzelnen werden genannt: „der Bestand von bunten Pferden“ (Vers 2/3), „ein böser roter Löwe“ (Vers 7) ,  „ein Hirsch /.../ ganz wie im Wald“ (Vers 9) und gleich dreimal ein „weißer Elefant“ (Vers 8, 15 und 20).

Die Farbgebung der Tiere verdeutlicht, dass es sich nicht um möglichst naturgetreue, sondern um spielzeughafte Nachbildungen dieser Tiere handelt. Das Karussell wird somit zunächst vordergründig als ein typischer Bestandteil eines Jahrmarktes, der allein der Belustigung, aber auch der Illusionserzeugung der Kinder dient, wahrgenommen.

So richtet sich die Aufmerksamkeit des Betrachters auch auf die Kinder. Exemplarisch werden zunächst „ein kleines blaues Mädchen“  (Vers 11),  das auf dem Hirsch reitet,  und  „ein Junge“  (Vers 12)  ,  der  „sich mit der kleinen heißen Hand“ (Vers 13)  auf dem Löwen festhält, genannt.

Aber auch andere Mädchen werden in Vers 17 genannt. Sie sind „diesem Pferdesprunge / fast schon entwachsen“ (Vers 17/18) und erscheinen auf diesem Kinderkarussell etwas deplaziert.
 

Die Welten der Kindheit und des Erwachsenseins treffen hier zusammen. Zugleich wird dem Betrachter die rasche Vergänglichkeit der Kindheit bewußt. Die fast schon erwachsenen Mädchen versuchen, sich mit Hilfe des Karussells einen Teil ihrer Kindheit zu bewahren; vielleicht sehnen sie sich in die schönen, unbeschwerten Tage ihrer Kindheit zurück und wollen noch nicht erwachsen sein.
 

Doch ebensowenig wie diese Mädchen die Kreisbewegung des Karussells aufhalten und das Ende der Fahrt verhindern können  („und das geht hin und eilt sich, daß es endet“ , Vers 21),  sind sie in der Lage, das Ende ihrer Kindheit abzuwenden. Ja, je älter man wird, umso schneller scheint die Zeit an einem vorüberzufliegen.

So nimmt auch die Kreisbewegung des Karussells in unserem Gedicht ständig zu:  nachvollziehbar wird diese Geschwindigkeitssteigerung an der immer rascher   wieder auftauchenden Figur des weißen Elefanten.  Zum erstenmal wird er nach sieben Versen erwähnt  ( „Und dann und wann ein weißer Elefant“ ,  Vers 8).  Beim zweitenmal braucht es nur noch sechs Verse, um ihn wiederkehren zu lassen  (Vers 15)  und zuletzt erscheint er schon nach vier Versen wieder

Die rasant sich steigernde Geschwindigkeit des Karussells zeigt sich besonders auch in der gesamten letzten Strophe.  Konnte der Betrachter bisher die Einzelheiten deutlich erkennen und unterscheiden, so ist dies nunmehr unmöglich geworden. Die Bilder verwischen, werden ungegenständlicher, schließlich sogar abstrakt  („Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet“,   Vers 23).

Im letzten Vers schließlich wird die ganze Drehbewegung des Karussells in einem einzigen Bild zusammengefaßt, das zugleich Schlüssel zum tieferen Verständnis des Gedichts ist: das Karussell bedeutet „atemloses, blindes Spiel“  (Vers 27). 
Es steht symbolhaft für die Kindheit, zu der Illusion und Spiel unabdingbar dazugehören; gleichzeitig entlarvt es die Kindheit aber auch als Scheinwelt, die von den Kindern selbst nicht als solche erkannt wird (sie sind im Spiel), wohl aber von dem außenstehenden Betrachter, der mit leiser Melancholie diesem Spiel zuschaut und sich vielleicht zurückbesinnt.
 


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© K.F.